1. September 2026

Appell der Holocaustüberlebenden Eva Kuperan Studierende zum Beginn des neuen Studienjahres


Ein offener Brief über Gewissen, Dialog und Verantwortung im neuen Studienjahr

Liebe Studierende,

Mein Name ist Eva Kuper. Ich bin Holocaustüberlebende und war mein Leben lang als Pädagogin tätig. Ich wurde 1940 in Warschau geboren, mit meiner Familie im Warschauer Ghetto eingesperrt und als kleines Kind vor der Deportation gerettet. Ich überlebte den Krieg im Versteck. Meine Mutter überlebte nicht.

Zu Beginn eines neuen Studienjahres denken Sie wahrscheinlich an Lehrveranstaltungen, Freundschaften und an die Zukunft, die Sie gestalten möchten. Ich bitte Sie, auch darüber nachzudenken, was für ein Mensch Sie werden möchten.

Ich habe früh gelernt, wie schnell eine Gesellschaft ihre moralische Orientierung verlieren kann. Der Holocaust begann nicht mit den Gaskammern. Er begann mit Worten, Propaganda, Ausgrenzung und der allmählichen Akzeptanz der Vorstellung, manche Menschen seien weniger wert als andere. Er konnte voranschreiten, weil Hass organisiert wurde und zu viele Menschen schwiegen.

Auch die akademische Welt war nicht davor gefeit. Ab 1933 wurden jüdische Professorinnen und Professoren im nationalsozialistischen Deutschland entlassen, und jüdische Studierende waren zunehmenden Einschränkungen ausgesetzt. Bis 1938 waren sie vollständig von deutschen Universitäten ausgeschlossen. Auch Institutionen, die dem Wissen verpflichtet sind, können ihren Auftrag verfehlen, wenn Vorurteile an die Stelle der Wahrheit und Einschüchterung an die Stelle offener Forschung treten.

Deshalb muss Bildung mehr sein als die Vorbereitung auf einen Beruf. Sie sollte Sie lehren, kritisch zu denken, Belege von bloßen Behauptungen zu unterscheiden und zu verstehen, dass Intelligenz ohne Gewissen nicht genügt.

Eva Kuper beim Marsch der Lebenden gemeinsam mit Studierenden
Eva Kuper beim Marsch der Lebenden gemeinsam mit Studierenden Foto: Ryan Blau

Sie kommen in einer Zeit an die Hochschulen, in der Informationen innerhalb von Sekunden verbreitet werden und Unwahrheiten oft schneller unterwegs sind als Fakten. Parolen können ernsthaftes Nachdenken verdrängen, während Empörung leichter belohnt wird als Verständnis.

Viele jüdische Studierende kehren zudem mit Ängsten zurück, von denen frühere Generationen hofften, sie würden nie wiederkehren. Manche wurden isoliert oder eingeschüchtert. Manche haben sich gefragt, ob sie Zeichen ihrer Identität verbergen, bestimmte Orte meiden oder darüber schweigen sollten, wer sie sind.

Kein Studierender und keine Studierende sollte sich so fühlen müssen.

Antisemitismus ist nicht nur ein jüdisches Problem; er ist ein Angriff auf die Wahrheit, die Menschenwürde und die Werte, die Bildung verteidigen soll.

Eine Universität oder eine Schule sollten Orte sein, an dem Ideen mit Vernunft geprüft werden, Meinungsverschiedenheiten zu einem ehrlichen Austausch führen und alle Studierenden ohne Angst lernen können. Der Dialog ist eine unserer stärksten Abwehrmöglichkeiten gegen Vorurteile: Er stellt Annahmen auf den Prüfstand, gibt gelebten Erfahrungen Raum und ermöglicht uns, einem Menschen statt einem Stereotyp zu begegnen. Er setzt keine Einigkeit voraus. Er verlangt intellektuelle Redlichkeit und die Anerkennung der Menschlichkeit des Gegenübers.

Die Antwort auf Hass ist nicht noch mehr Hass. Schweigen ist jedoch ebenso wenig eine Antwort.

Die Antwort liegt in einem Dialog, der mit Mut verbunden ist: Falschinformationen zu hinterfragen, vor einem Urteil zuzuhören, die Wahrheit auszusprechen, ohne andere zu entmenschlichen, und die Würde eines anderen Menschen zu verteidigen, auch wenn dies mit persönlichen Nachteilen verbunden ist.

Stehen Sie Mitstudierenden zur Seite, die wegen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihrer Herkunft Vorurteilen ausgesetzt sind. Schließen Sie Freundschaften über Unterschiede hinweg und schaffen Sie Gelegenheiten für ehrliche Gespräche. Entscheiden Sie sich für Dialog statt Parolen, für Neugier statt vorschneller Annahmen und für Wahrheit statt Bequemlichkeit. Ein Gespräch mag wie eine kleine Handlung erscheinen, doch es kann Vorurteile unterbrechen, bevor sie sich zu Hass verhärten.

Eva Kuper gemeinsam mit Studierenden beim Marsch der Lebenden
Eva Kuper gemeinsam mit Studierenden beim Marsch der Lebenden Foto: Ohad Kab

Ich habe mein Berufsleben der Bildung und Bildungsverwaltung gewidmet und Programme für Kinder und Erwachsene unterrichtet und geleitet. Seit meinem Ruhestand habe ich meine Geschichte über das Montreal Holocaust Museum, in dessen Vorstand ich tätig bin, mit Tausenden Menschen geteilt und Studierende auf Reisen des Marsches der Lebenden nach Polen begleitet. Immer wieder habe ich erlebt, wie junge Menschen zuhören, nachdenken und sich verändern. Deshalb habe ich weiterhin Hoffnung.

Bald werden Überlebende Ihnen nicht mehr persönlich erzählen können, was wir erlebt haben. Unsere Erinnerungen und die Verantwortung, Lügen, Entmenschlichung und Gleichgültigkeit zu erkennen, werden in Ihre Obhut übergehen.

Zu Beginn dieses Studienjahres hoffe ich, dass Sie Ihre Seminarräume nicht nur mit Wissen verlassen. Ich hoffe, Sie nehmen Weisheit, Mitgefühl und den Mut mit, für das Richtige einzustehen.

Gestalten Sie eine Zukunft, die derer würdig ist, die sie nicht mehr erleben konnten, und aller Generationen, die noch kommen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Eva Kuper

Holocaustüberlebende und Pädagogin

Eva Kuper
Foto: Ohad Kab

Über Eva Kuper

Eva Kuper ist Holocaustüberlebende und Pädagogin. Sie wurde 1940 in Warschau geboren, mit ihrer Familie im Warschauer Ghetto eingesperrt und überlebte den Holocaust im Versteck. Über das Montreal Holocaust Museum und auf Bildungsreisen des Marsches der Lebenden nach Polen hat sie ihre Geschichte mit Tausenden Menschen geteilt.

Über den Internationalen Marsch der Lebenden

Der Internationale Marsch der Lebenden ist ein Bildungsprogramm, das Jugendliche, junge Erwachsene und Erwachsene aus aller Welt in Polen und Israel zusammenbringt, um die Erinnerung an den Holocaust weiterzutragen. Jedes Jahr nehmen nahezu 10.000 Menschen an dieser gemeinsamen Bildungsreise teil.

Den ursprünglichen Brief auf Englisch lesen